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documenta 14 – der Kunst Guide

Juli 2, 2017 | 0

Josephine

documenta 14 – Die wichtigste und bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst weltweit ist derzeit wieder in Kassel und dieses Mal auch in Athen. Wir haben dem entgegengefiebert wie keinem anderen Event in diesem Jahr und wurden nicht enttäuscht. Was uns besonders gut gefallen und auch sehr zum Nachdenken angeregt hat, könnt Ihr in unserem documenta 14 Guide lesen.

 

Bücher Gebilde Documenta14 Säulen

 

Wer glaubt, Kunst muss ausschließlich ästhetisch sein, unterhalten und Spaß machen, kann sicherlich bedächtig durchs Louvre wandern und sich die alten großen Meister ansehen. Wer aber der Kunst erlaubt, zu provozieren, sozialkritisch zu sein, abzustoßen oder anzuziehen, der findet auf der documenta all das. Von Installationen über Bildhauerei, Fotografie oder Zeichnungen bis hin zu einem monumentalen Bauwerk aus Büchern ist auf der documenta 14 so ziemlich alles dabei, was die Szene der contemporary art derzeit her gibt. Wer dort gezeigt wird, ist längst ein Star oder gilt danach was und erreicht enorme Bekanntheit.

 

Kunst der Gegenwart Bellevue

 

Was ist die documenta?

 

Für alle die, die (noch) nicht mit der zeitgenössischen Kunstszene vertraut sind, Kunst studiert haben oder Kasseläner sind, möchte ich kurz erklären, warum es so wichtig ist, etwas darüber zu wissen oder besser noch: dort gewesen zu sein.

 

Die documenta wurde 1955 von dem Kasseler Maler und Akademieprofessor Arnold Bode ins Leben gerufen. Bei der “Präsentation der Kunst des Zwanzigsten Jahrhunderts” präsentierte er im zerstörten Museum Fridericianum die von den Nationalsozialisten als entartet diffamierte und bis dahin in Deutschland so nie gezeigte klassische Moderne. Die erste documenta konnte man noch als Retrospektive verstehen, bei der Künstler wie Pablo Picasso, Max Ernst, Hans Arp, Henri Matisse, Wassily Kandinsky oder Henry Moore gezeigt wurden. 130.000 Besucher kamen. Der unerwartet große Erfolg führte dazu, dass Arnold Bode auch 1959 eine zweite Ausstellung plante und einen Fünf-Jahre-Zyklus ins Leben rief. Damals entstand auch die Idee, jede documenta dem persönlichen Konzept eines einzelnen Austellungskurators zu unterstellen. Jede Ausstellung für sich lenkt so auf ihre eigene Art internationale Gespräche über Kunst in neue Bahnen.

 

Malerei Gerhard Richter Arnold Bode mit Josephine

 

Jedes Jahr blieben einige Kunstwerke in der documenta Stadt Kassel erhalten und prägen mittlerweile das im Krieg fast vollständig zerstörte Stadtbild.

 

Das Thema der aktuellen documenta

 

“Von Athen lernen“ hat sich der aus Polen stammende Kurator Adam Szymczyk für die aktuelle documenta vorgenommen. Dafür hat er eine Doppelstruktur gewählt. 2017 sind Athen und Kassel gleichberechtigte Gastgeber der Ausstellung. Die gutbürgerliche documenta sollte versetzt und ins wahre Leben transportiert werden. Von radikaler Institutionskritik wird gesprochen. Szymczyk sagt zu seiner Idee: “Wir wollen die Lernrichtung vom Lehrer zum Schüler ändern.

 

Frauenrolle Documenta14 Römische Statue

 

Am Beispiel Griechenland offenbaren sich emblematisch die Widersprüche und die Zukunft Europas. Es ist kein Systemfehler, der hier passiert – das System selbst steckt in einer tiefen Krise. Mein Ansatz ist, die Position der Macht, der Autorität so weit wie möglich zu verlassen und sich in die Position der Schwäche zu begeben, um Solidarität zu üben und daraus zu lernen.”

 

Unser documenta Guide

 

Da ich selbst aus Kassel komme, mit der documenta aufgewachsen bin und bereits auch dort gearbeitet habe, sind Auri und ich, nicht wie vielleicht im Plan vorgeschlagen, gelaufen, sondern haben uns selbst eine Route erstellt. Ausstellungsorte wie der ehemalige unterirdische Bahnhof, die neue neue Galerie an der neuen Hauptpost (Achtung Verwechslungsgefahr!), die neue Galerie, das Palais Bellevue und der Westpavillon der Orangerie waren auf jeden Fall unsere Highlights. Wir möchten Euch die drei Orte kurz beschreiben, die Ihr unbedingt besuchen solltet, wenn ihr auf der documenta seid. Wir waren nur zwei Tage dort und habe gerade mal geschafft, die Hälfte zu sehen. Man sollte sich deshalb vorher ein wenig Gedanken machen, was man gern sehen und wohin man gern gehen möchte.

Wer es noch schafft, sollte auch einen Spaziergang durch die Orangerie machen und sich im Westflügel einen Moment Zeit nehmen, um den wundervollen kirchlichen Gesängen der Videoinstallation zu lauschen.

 

Fridericianum

 

Hier, im Herzstück der documenta, wird erstmals in Deutschland die Sammlung des Athener Nationalen Museums für zeitgenössische Kunst (EMST) gezeigt.

 

Rauch aus Fridericianum

 

Die Kunstwerke waren beeindruckend aber auch teilweise sehr speziell und nicht zu allem hat man den Zugang gefunden. Die Athener Kunstsammlung ist politisch sehr aufgeladen und zeigt sich zeitgleich sehr nüchtern. Holz und Metall waren die dominierenden Materialien. Künstler wie Takis, Jannis Kounellis oder Stephen Anatonakos sind zu finden. Die ersten Schritte in das Gebäude werden gleich von einem farbenfrohen, auf den Boden projizierten Mosaik des Künstlers Nikos Alexiou begleitet. Das Mosaik zeigt wunderbar, welche Vielfältigkeit Kunst haben kann und wie sie einen einnimmt.

 

Fotografie schwarz weiss

 

Palais Bellevue

 

Das Palais war mein persönlicher Lieblingsort der diesjährigen documenta. Hier waren sehr viele ästhetische Kunstwerke in wunderschönen Räumlichkeiten zu finden. Viele Werke beschäftigten sich mit Genderrollen oder Raubkunst. Der Künstler oder die Künstlerin Lorenza Böttner wurde hier in einem kleinen Lebenswerk dargestellt. In Chile 1959 geboren, verlor er/sie durch einen unglücklichen Unfall beide Arme. Nachdem er/sie 1973 nach Lichtenau (eine Stadt nahe Kassel) zog, musste er/sie sich mit der Bezeichnung “Behinderter” auseinandersetzen. Lorenza lehnte Prothesen ab, hatte ein großes Interesse für klassisches Ballett, Jazz und Stepptanz. Er/Sie lernte mit dem Mund und den Füßen zu malen und setzte sich Lebzeiten dafür ein, dass diese Art der Kunst mehr wertgeschätzt wird. Die Beschäftigung mit der Transgender-Position in ihren erotisierten Perfomancearbeiten und Malereien stattet die Kunst mit politischer Potenz aus und macht sie aktuell wie nie. Tolle Arbeiten eines beeindruckend starken Menschen.

 

 Lorenzo Spruch mit Body

 

Ein weiterer Höhepunkt war das Gemälde von Gerhard Richter (ich bin ein großer Fan) welches Arnold Bode zeigt.

 

 

Neue neue Galerie

 

In der neuen Hauptpost haben uns einige Höhepunkte der documenta erwartet und sie gehört deshalb auf jeden Fall zu unseren Top 3! Das monumentale Gemälde Murriland von Gordon Hookey, welches sich mit der Lebensgeschichte und der Unterdrückung der Aboriginie beschäftigt. Das zweite Highlight hier war Maret Anne Sara, die norwegische Künstlerin gehört zur Minderheit der Samit, die seit Urzeiten den Norden Norwegens besiedeln. Zu ihrer Kultur gehört die Rentierzucht. Da unter dem Weideland der Sami wertvolle Bodenschätze lagern, will die Regierung sie zwingen, ihren Tierbestand zu verkleinern. Mit 300 von ihr ausgekochten Tierschädeln zum Wandteppich zusammengefügt, will sie ein deutliches Zeichen setzen.

 

Projektionskunst neue neue Galerie Kontinente

 

Eines der beeindruckendsten Werke für uns jedoch waren die Inszenierungen der Maskenbilder des Berliner Künstlers Theo Eshetu. Für Atlas Fractured sicherte sich der Künstler einen riesengroßen Banner, der bis 2014 noch am ethnologischen Museum in Berlin Dahlem hing und dort für eine Ausstellung mit Maskengesichtern aus Afrika, Asien oder Ozeanien warb. Die auf die Leinwand projizierten Lichtbilder wie Gesichter oder vorbeiziehende Wolken in einer dreifachen Überlagerung nehmen einem schlichtweg den Atem. Die Größe, Intensität und die lautliche Untermalung sprechen gleichzeitig die Sinne an. Fragen wie: Wie sieht nach unserer Vorstellung ein Afrikaner aus? Was ist typisch für einen Europäer? Was beschreibt unsere Identität?, werden aufgeworfen und gleichzeitig relativiert.

 

Unser Fazit zur documenta 14

 

Ich habe im Vorfeld die Artikel der Zeit (Im Tempel der Selbstgerechtigkeit) oder ähnlichen Zeitungen gelesen und muss sagen, dass ich jetzt, nachdem ich die documenta besucht habe, einige Punkte durchaus verstehen kann. Ich finde die Aufteilung zweier Orte durchaus schwierig und auch, dass der griechischen Kunst in Kassel so viel Raum gegeben wird, ist doch zeitgleich in Athen der zweite Teil der documenta. Auch finde ich, dass Themen, die immer wieder aufgerufen werden, nicht mehr denen der zeitgenössischen Kunst entstammen, sind es doch alte ausgestellte Werke. Selbst der aus einem Baugerüst zusammengeschraubte Büchertempel vorm Fridericianum der argentinischen Künstlerin Marta Minujín wurde bereits vor 30 Jahren schon einmal errichtet. Ich finde, hier sollten aktuellere Werke stehen. Dafür gibt es die documenta ja immerhin auch nur alle fünf Jahre. Der Fokus auf all das, was nicht mehr ist, ist für mich persönlich auf der diesjährigen documenta zu stark. Aber das war es dann auch schon mit meiner Kritik. Kunst muss und soll ja keineswegs immer gefallen und nur, weil mich gewisse Themen nicht ansprechen, sind sie nicht falsch. Alles in allem war für mich die documenta wahnsinnig toll, inspirierend und anregend in jeder Weise. Vor allem die Kunst- und Videoinstallationen haben mich sehr beeindruckt und hallen in ihrer Wirkung immer noch nach.

 

Lichtprojektion Mosaik auf Boden

 

Ich kann jedem, ob kunstinteressiert oder nicht, nur empfehlen, die hundert Tage der documenta für einen Besuch zu nutzen, um sein Weltbild zu öffnen. Gerade in Zeiten solcher politischen Extreme, in der wir gerade leben, gewinnt Kunst und das Verständnis dafür mehr und mehr wieder an Bedeutung.

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